Der Katalog zur Messe

art Karlsruhe 2026

Gravity is Lightness ist unser kuratorischer Ansatz für die art karlsruhe 2026. Schwere und Leichtigkeit erscheinen als polare Kräfte, die gegenseitig in einem Spannungsfeld wirken. Gravity meint nicht nur physisches Gewicht, sondern emotionale Dichte – die gravity of love ebenso wie soziale Bindung. Lightness steht nicht nur für Schwerelosigkeit, sondern auch für Bewegung und Mut. Gravity is Lightness kennt kein „Entweder-oder“ und kein bequemes Dazwischen. Es ist ein radikales „Sowohl-als-auch“. Die Positionen zeigen, wie Gegensätze sich aufladen, wie aus Schwere Beziehung entsteht und aus Leichtigkeit Bedeutung. In jeder künstlerischen Position verdichtet sich dieses Spannungsfeld zu einer eigenen, unverwechselbaren ästhetischen Sprache.

Bettina Zapp

Bettina Zapp hat ihre Malerei von emotionaler Präzision hin zu einer konsequenten Klarheit weiterentwickelt. Gestische Farbfragmente weichen einer reduzierten Bildsprache, in der flirrende, leichte Formen zunehmend an Gewicht gewinnen. In ihrer aktuellen Werkphase verschmilzt die Bewegung der Malerei mit einer kompromisslosen Flächigkeit. Es entsteht ein imaginierter Raum, der zur Bühne wird Diese Entwicklung markiert eine bewusste Rückkehr zur Malerei als Struktur – entschieden, herausfordernd und zugleich von Leichtigkeit getragen. Schönheit wird dabei nicht beschönigt, sondern freigelegt.

Marika Thoms

In der Tradition des abstrakten Expressionismus nutzt sie kraftvolle Gestik, Leuchtfarben und serielle Farbharmonien, entwickelt daraus jedoch ihre eigene, unverwechselbare Bildsprache. Die sichtbare Dynamik entsteht nicht aus spontaner Laune, sondern aus einem vielschichtigen Prozess aus Aktionen, Reflexionen und rigoroser Kompositionsprüfung – sogar im Spiegel, um die innere Balance der Bilder zu überprüfen. Thoms’ Malerei ist ein ästhetisches Kraftfeld, zugleich wild und präzise, roh und schön. Ihre „Alleeschön“-Kunst verbindet expressive Urgewalt mit einer überraschenden Leichtigkeit und besticht durch ein intensives Farberlebnis, das Betrachter unmittelbar berührt. Geboren in der Nachwendezeit in Gardelegen, arbeitete Thoms zunächst in kaufmännischen und juristischen Berufen, bevor sie sich radikal der Kunst zuwandte. Sie gründete die Galerie X-OFF in Magdeburg, gab Kreativen eine Plattform und entwickelte ihren eigenen Stil weiter. Heute ist sie Malerin, Galeristin, Aktivistin, Grafikdesignerin, kunsttherapeutische Malbegleiterin – und zu 100 Prozent Künstlerin. Marika Thoms lebt und arbeitet in Gardelegen; ihre Werke werden international gehandelt.

Petra Schott

Petra Schott ist eine international erfolgreiche abstrakte Künstlerin aus Frankfurt am Main, deren Malerei als energetisches, emotional aufgeladenes Kraftfeld wirkt. In ihren Arbeiten wird Chaos zur schöpferischen Matrix, Farbe zur elementaren Substanz. Ihre vibrierenden Leinwände aus Pigment, Öl und Licht entwickeln eine eigene Gravitation und eröffnen intensive Gefühlsräume, in denen Betrachter aus dem Alltag herausgelöst und in eine transformierende Wahrnehmung hineingezogen werden. Kunst wird bei Schott zur Alchemie: Aus Formlosigkeit formt sich Bedeutung, aus Betrachtenden werden Mit-Schöpfer.

Auf der Art Karlsruhe 2026 ist Petra Schott im Rahmen der Sonderpräsentation „One-Artist-Show“ vertreten. Dort erregt sie besondere Aufmerksamkeit durch ihr partizipatives Living Picture „Carpet of Life“, ein Werk aus einer umfangreichen Serie, die sich mit den Dimensionen des Lebens beschäftigt: Anziehung, Freude, Schwere, Resonanz. Der „Carpet of Life“ überschreitet bewusst die Grenze zwischen Bild und Raum. Ein Teil des Werks hängt an der Wand, der andere – unbemalt – liegt auf dem Boden und lädt das Publikum dazu ein, selbst gestaltend einzugreifen: durch Betreten, Bemalen oder sogar durch ein kleines Picknick. So entsteht das Werk im Messekontext weiter und verweist zugleich auf das zentrale Thema der Galerie Gravity is Lightness: die Balance zwischen Schwerkraft und Leichtigkeit.

Schott studierte Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel, nach Abschluss ihres zweiten juristischen Staatsexamens. Seit ihrem vollständigen Ausstieg aus dem juristischen Beruf 2014 wächst ihre internationale Sichtbarkeit stetig. Sie stellt regelmäßig u. a. in Los Angeles, Santa Fe, Frankreich, Belgien, dem Vereinigten Königreich und Deutschland aus. Veröffentlichungen in Create Magazine und Art Seen sowie der Gewinn des Jackson’s Painting Prize 2023 unterstreichen ihre Bedeutung. Werke von ihr befinden sich in zahlreichen internationalen Privatsammlungen; zudem leitet sie jährlich Workshops an der Kunstakademie Eigenart in Bad Heilbronn.

Gottfried Römer

Gottfried Römer, geboren in Gießen, begann klassisch-dokumentarisch, bevor ein zufälliger Moment – verwackelte Zugfenster-Aufnahmen – seine Bildsprache revolutionierte. Aus dem vermeintlichen Fehler wurde Methode: Lichtmalerei als transmediales Experiment zwischen Fotografie und Malerei. Seine Serien entstehen in einem Dialog von Emotion und Form, oft begleitet von Musik, Spiegeln und Stoffen, die den Modellen Raum zur Selbstbegegnung geben.

Römers Arbeiten wurden international ausgestellt, u. a. im Palazzo Ca’ Zanardi in Venedig, auf der Florenz Biennale (Fotopreis 2019), im Carrousel du Louvre in Paris und in der Agora Gallery in New York. Seine Werke befinden sich weltweit in privaten Sammlungen. Römer lebt und arbeitet in Gießen – und überall dort, wo sich Bewegung in Licht verwandelt.

Christof Kindlinger

Christof Kindlinger (geb. 1965 in München) erforscht in seiner Malerei die Farbe als vielschichtiges Medium eines fortwährenden Freiheitsstrebens. Seine Arbeiten entstehen in einem langsamen, reflektierten Prozess aus Malen, Übermalen und Schichten – ein Vorgehen, das keine endgültigen Zustände kennt. „Slow Painting“ versteht Kindlinger nicht als Stil, sondern als Haltung: ein dialogisches Arbeiten mit dem Unvorhersehbaren, bei dem jedes Bild organisch wächst. In Anlehnung an Bach und Rothko entwickelt er sensitive Farbfugen, die als visuelle Sonaten einen farb-klanglichen Resonanzraum eröffnen. Seine Farbfelder entziehen sich der schnellen Lesbarkeit und laden zu einem vertieften, synästhetischen Sehen ein. Kindlinger studierte von 1987 bis 1994 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Horst Sauerbruch und erweiterte seine Praxis während eines Stipendiums in Sulmona, Italien. Seit 1996 ist er als Kunsterzieher tätig und verfolgt parallel seine künstlerische Arbeit, zuletzt im Atelier in München-Aubing.

Seine Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, u. a. in der Galerie Thaler, der Pasinger Fabrik und im Haus der Kunst. Arbeiten befinden sich in privaten Sammlungen sowie in Institutionen wie BMW, der Dresdner Bank und der Stadt München.

Mongi Higgs

Mongi Higgs entkleidet den Menschen – buchstäblich und metaphorisch. Seine Kunst ist eine gnadenlose Entzauberung gesellschaftlicher Masken. Wer seine Bilder betrachtet, sieht den Menschen roh, verletzlich und ungeschönt. Wahrheit ist für Higgs nicht das Abbild der Realität, sondern das, was unter der Oberfläche liegt: Begierde, Zweifel, Entfremdung, Liebe. Seine Figuren, oft nackt, sprengen Normen, während Helga – seine Archetypin der modernen Frau – zwischen Eigensinn und Konvention balanciert. Higgs ist Forscher und Provokateur zugleich, sein Stil roh, seine Vision kompromisslos. Die 12 Bierstriche als Signatur sind sein Code für das Essenzielle. Wer nur Malerei sieht, hat nichts verstanden. Hier geht es um das Menschsein in seiner radikalsten Form.

Mela Diamant

Mela Diamant nutzt Märchen- und Tiermetaphern, um gesellschaftliche Normen sichtbar zu machen – und zu unterlaufen. In der Arbeit „Kiss the Frog“ bleibt der Frosch kein verwandelbarer Prinz, sondern ein übergroßes, absurdes Stofftier. Das Märchen wird dekonstruiert: Statt auf Erlösung von außen zu warten, plädiert Diamant für Selbstermächtigung – mit klar feministischer Note und Fragen nach Geschlechterrollen, Initiative und Zustimmung. Ihre textilen Arbeiten bewegen sich zwischen Skulptur und Installation. Sichtbare Nähte und fragmentarische Formen brechen bewusst mit Perfektionsansprüchen und verweisen auf Brüche, Prozesse und das Unfertige im Leben. In dieser „Ästhetik des Unvollendeten“ wird der Betrachter eingeladen, das Werk innerlich fortzuschreiben. Diamant steht in einer Linie mit Künstlerinnen wie Anni Albers, Sheila Hicks und der feministischen Kunst der 1970er Jahre (u. a. Judy Chicago). Textilien sind bei ihr nicht Dekor, sondern Träger von Geschichten, Kritik und Protest. Hervorgehobene Fäden und Nähte machen den oft unsichtbaren Arbeitsprozess sichtbar und werten sogenannte „weibliche“ Handarbeiten auf.

Im Kontext einer aktuellen Renaissance der Tapisserie – etwa auf der Biennale von Venedig 2024 – belebt Mela Diamant ein lange unterschätztes Medium mit Humor, Tiefgang und gesellschaftlicher Schärfe.