Es gibt Ausstellungen, die ihre Gemeinsamkeiten demonstrieren. Diese gehört nicht dazu. Die hier versammelten Positionen unterscheiden sich in nahezu allem: in ihrer Bildsprache, ihren Materialien, ihren kunsthistorischen Referenzen und ihren Strategien des Sehens. Gerade deshalb bilden sie ein bemerkenswert präzises Bild der Gegenwart. Denn unsere Zeit ist nicht von Einheit geprägt, sondern von Gleichzeitigkeit. Unterschiedliche Wirklichkeiten, Haltungen und Wahrnehmungsformen existieren nebeneinander, überlagern sich, beeinflussen sich gegenseitig.
Die Arbeiten von Tobias Degel, Trisha Kanellopoulos, Christine Loew, Tobi Olsen und Brigitte Puschmann stehen exemplarisch für diese Vielfalt. Jede Position besitzt eine unverwechselbare Handschrift, jede scheint auf den ersten Blick klar lesbar und in einer bestimmten Tradition verortbar. Genau darin liegt jedoch die Versuchung, zu schnell zu glauben, man habe bereits verstanden, was man sieht.
„Zu früh für Gewissheit“ richtet sich daher weniger auf die Werke als auf unseren Blick auf sie. Die Ausstellung schlägt vor, die erste Orientierung nicht mit Erkenntnis zu verwechseln. Sie lädt dazu ein, hinter den vertrauten Kategorien von Figuration und Abstraktion, Geste und System, Material und Zeichen weiterzusehen und die Beziehungen wahrzunehmen, die zwischen den Arbeiten entstehen. Erst im Zusammenspiel entfalten die Werke ihre eigentliche Kraft. Nicht weil sie dieselbe Geschichte erzählen, sondern weil sie gemeinsam sichtbar machen, wie vielschichtig Wirklichkeit geworden ist.
Vielleicht erzählt diese Ausstellung deshalb auch etwas über unsere Gegenwart. Die Welt erscheint gleichzeitig vertraut und fremd, überschaubar und unendlich komplex. Die Arbeiten dieser Ausstellung antworten darauf nicht mit Erklärungen, sondern mit Aufmerksamkeit. Sie erinnern daran, dass Wirklichkeit kein fertiger Zustand ist, sondern etwas, das sich unaufhörlich neu zusammensetzt. Genau darin liegt ihre Aktualität – und vielleicht auch ihre Hoffnung.