GREGOR STEHLE UND DIE KUNST DEM RAUM RAUM ZU GEBEN.
prompt: space raumräume
RAUM 2 DER AUSSTELLUNG IM AUFBAU.
© konsum163
Blick in den raum 4 mit der Holzschnittserie „VOLLMONDNACHT“ und der Fotografie „GRÖTZINGEN“ (re). © konsum163
Ausschnitt aus dem Zyklus „ENTWÜRFE EINER AUSSTELLUNG“ in Raum 3. © konsum163
Der Titel als Provokation:
prompt: space.
Der Titel dieser Ausstellung ist präzise gewählt. Ein „Prompt“ ist heute jener sprachliche Impuls, mit dem künstliche Systeme Bilder und Wirklichkeiten errechnen. Eine Eingabe genügt, und aus Datenmaterial entsteht eine scheinbar kohärente Welt. Gregor Stehle übernimmt diesen Begriff – aber nur, um ihn umzudrehen. Was in der digitalen Sphäre als Berechnung geschieht, wird hier zum körperlichen Ereignis. Hier wird nicht generiert, sondern gesetzt. Nicht simuliert, sondern erfahren.
Das hat fast etwas Trotziges. In einer Zeit, in der wir zunehmend mit perfekt gerenderten, algorithmisch geglätteten Bildwelten umgehen, insistiert Stehle auf der Unmittelbarkeit des realen Raums. Nicht als nostalgische Geste, sondern als radikale Gegenwartsbehauptung. Raum ist bei ihm kein neutraler Container, kein passiver Hintergrund, kein Ausstellungsgehäuse. Raum ist Stoff des Daseins. Er entsteht zwischen Dingen, in Spannungen, in der Anziehung und Abstoßung von Elementen. Er ist nicht da, bevor etwas geschieht. Er geschieht.
Der Untertitel raumräume macht genau das sichtbar. Das Wort klingt fast tautologisch und ist doch eine poetische Verdichtung. Es meint Räume, die Raum erzeugen. Räume, die sich nicht mit architektonischen Grenzen zufriedengeben, sondern innere, gedankliche, leibliche, atmosphärische Erweiterungen hervorbringen. Man betritt hier also keine Ausstellung über Raum. Man betritt eine Versuchsanordnung, in der Raum selbst zum Akteur wird.
Raum als Beziehung
Gregor Stehles gesamte Arbeit lässt sich auf einen einzigen Satz verdichten: Raum ist Beziehung. Dieser Gedanke klingt zunächst schlicht, ist aber in Wahrheit eine fundamentale Verschiebung. Denn Raum wird hier nicht geometrisch verstanden, nicht als messbare Ordnung, nicht als Volumen zwischen Wänden. Raum entsteht vielmehr dort, wo etwas mit etwas anderem in Verbindung tritt: eine Linie mit einer Fläche, ein Farbfeld mit einer Leerstelle, ein Objekt mit dem Körper des Besuchers, eine Geste mit der Stille, die sie umgibt.
Stehle spricht in diesem Zusammenhang von einer Kunst, in der einzelne Elemente wie Attraktoren wirken. Der von der Galerie geprägte Begriff der attraktoralen Kunst trifft seine Praxis deshalb so gut, weil er eine Dynamik beschreibt: Ein Strich, ein Farbfeld, eine Setzung sind niemals bloß formale Bestandteile einer Komposition. Sie ziehen Wahrnehmung an. Sie erzeugen Felder. Sie machen etwas mit dem Raum, weil sie Beziehungen stiften, bevor sie Bedeutungen transportieren.
Damit verschiebt sich auch die Frage, was ein Bild überhaupt ist. Es ist nicht länger ein Objekt, das etwas darstellt. Es ist ein Ereignisraum. Ein Spannungsfeld. Eine kondensierte Form von Präsenz. Und genau hierin liegt die Nähe zu philosophischen Denkfiguren, die Stehle prägen, ohne dass seine Kunst je zu deren Illustration würde.
Kant etwa verstand Raum nicht als Eigenschaft der Dinge, sondern als Bedingung unserer Anschauung. Sloterdijk beschreibt Raum als Sphäre des Mit-Seins, als Beziehungshaut, als gelebte Ko-Existenz. Heidegger dachte das Kunstwerk als etwas, das Welt eröffnet und Raum überhaupt erst einräumt. François Jullien schließlich lehrt ein Denken der Wirkung, der Entfaltung, des Atmosphärischen, in dem nicht das klar umrissene Ding, sondern sein Wirken im Feld entscheidend ist. Bei Stehle laufen diese Linien zusammen – nicht theoretisch, sondern sinnlich. Seine Kunst denkt, ohne zu dozieren. Sie argumentiert nicht. Sie erzeugt.
one} KLAVIERZIMMER
200 x 300 cm, 2026, Stuhl und Plane
two} GRÜNER RAUM
50 x 40 cm, 2026, Tape auf Leinwand
three} VOLLMONDNACHT II
63 x 37 cm, 1995, Holzschnitt
four} BUCH DER RÄUME
32 x 40 cm, 1998, handgemachtes Buch
five} UND DER RAUM TRUG MICH DAVON
120 x 100 x 3 cm, 2026, Öl auf Leinwand
six} ENTWURF 3
70 x 100 cm, 2026, Bleistift und Wachskreide auf Papier
seven} ENTWURF 2
70 x 100 cm, 2026, Bleistift und Wachskreide auf Papier
(c) konsum163
Erster Raum: Die Nullstellung der Malerei
Der erste Raum dieser Ausstellung wirkt auf den ersten Blick beinahe streng. Reduktion bestimmt alles. Grundierte Leinwand, Tape, Linien, farbige Setzungen. Wenige Elemente, klare Entscheidungen. Und doch ist dieser Raum alles andere als leer. Vielmehr führt er zurück an einen Punkt, den man die Nullstellung der Malerei nennen könnte: Wand, Fläche, Farbe, Material. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Stehle beginnt hier nicht mit einem Motiv. Er beginnt mit den Bedingungen des Erscheinens. Gerade darin liegt die Schärfe dieser Setzung. Denn in einer Kunstwelt, die häufig auf Überbietung, Narration oder Symbolproduktion setzt, insistiert er auf dem Elementaren. Ein Blau ist Blau. Ein Schwarz ist Schwarz. Ein Klebeband bleibt Klebeband. Und dennoch kippt die Wahrnehmung. Die Fläche wird zur Schwelle, die Linie öffnet ein Innen, das vorher nicht da war, und plötzlich oszilliert der Raum zwischen Wand, Werk und Blick.
Nichts daran ist laut. Aber alles ist wirksam.
Diese Arbeiten provozieren nicht durch Gestus, sondern durch Entzug. Sie verweigern das schnelle Verstehen und schärfen damit etwas, das im Alltag längst abgestumpft ist: die Wahrnehmung der eigenen Gegenwart im Raum. Man steht nicht vor ihnen wie vor einem Bild, das „etwas zeigt“. Man gerät in ein Verhältnis. Und vielleicht ist genau das ihre eigentliche Präzision: dass sie die Oberfläche nicht bebildern, sondern sie in ein Feld von Anziehung, Öffnung und Verdichtung verwandeln. Gregor Stehle sagt dazu: „Ich will nicht repräsentieren. Ich will erzeugen. Der Betrachter soll nicht erkennen, sondern spüren.“ Das ist kein anti-intellektuelles Programm. Im Gegenteil. Es ist eine radikale Verschiebung vom Wiedererkennen zum Erfahren.
Zen, Leere und die Klarheit des Augenblicks
Wer Gregor Stehles Werk verstehen will, kommt an seiner jahrzehntelangen Zen-Praxis nicht vorbei. Sie ist keine biografische Randnotiz und auch kein dekoratives Spirituellsein, das sich leicht in Künstlerlegenden einbauen ließe. Sie ist Teil seiner Haltung. Teil seiner Methode. Vielleicht sogar Teil jener inneren Disziplin, aus der seine Kunst ihre eigentümliche Entschiedenheit bezieht Stehle arbeitet nicht aus dem Plan heraus. Er beginnt mit einer weißen Fläche und wartet. Tage, Wochen, manchmal länger. Er lebt mit dem Grund. Er entleert sich an ihm. Erst wenn kein inneres Bild mehr aufsteigt, wenn das Referenzielle verbraucht ist, wenn also nicht länger etwas „gemeint“ oder „gewollt“ wird, kann der malerische Akt geschehen. Dann kommt ein Moment der Klarheit – und mit ihm die Handlung. Schnell, direkt, unkorrigiert. Was danach da ist, bleibt. Oder wird verworfen.
Diese Praxis hat etwas entschieden Unwestliches, weil sie sich dem Ideal permanenter Optimierung verweigert. Das Werk wird nicht verbessert, nicht ausdifferenziert, nicht nachträglich psychologisch aufgeladen. Es ist Spur eines Augenblicks, der nur einmal möglich war. In diesem Sinn ist Stehles Malerei keine Konstruktion von Authentizität, sondern ein Risiko. Das Bild muss wahr sein – oder es ist nichts. Er selbst formuliert das mit großer Strenge: „Es gibt echte oder unechte Bilder. Ein echtes Bild hat sich selbst erzeugt. Es war notwendig. Es hat mich überrascht. Es braucht mich nicht.“ Das ist eine harte, aber produktive Definition. Sie entzieht die Kunst sowohl der Willkür als auch dem reinen Handwerk. Ein Bild ist nicht deshalb gut, weil es funktioniert. Es ist gut, wenn es notwendig geworden ist.
Zweiter Raum: Das Klavierzimmer oder die Verdichtung des Inneren
Im zweiten Raum verändert sich die Situation spürbar. Nach der kargen Präzision des Auftakts tritt man in eine Szenerie, die dichter, körperlicher, fast intimer wirkt. Hier weitet sich der Raum nicht, sondern implodiert in einen Innenraum. Die Dinge treten in ein anderes Verhältnis zueinander: ein Klavierstuhl, eine Wandarbeit, eine skulptural gefaltete Form am Boden. Es ist ein Ensemble, das mehr Atmosphäre als Erzählung erzeugt. Das Klavier selbst fehlt – und ist gerade deshalb anwesend. Die Leerstelle beginnt zu klingen. Man spürt Abwesenheit als Präsenz. Der Raum ist nicht mehr nur architektonisch, sondern emotional aufgeladen, ohne sentimental zu werden. Der Boden scheint sich zu bewegen, zu falten, zurückzuschlagen. Die Skulptur mit dem Titel „Und der Raum trug mich davon“ ist dabei keine Behauptung, sondern eine Bewegung in Materialform. Sie macht aus dem Boden ein Ereignis. Aus Stabilität wird Drift. Hier zeigt sich besonders schön, dass Stehle den Raum nicht als statische Größe denkt. Er ist Intensität. Er ist Aufladung. Er ist ein Zustand, der den Körper einbezieht. Vielleicht ist das der Grund, warum seine Arbeiten trotz aller Reduktion nie kühl oder formalistisch wirken. Sie haben eine leise, aber sehr konkrete Körperlichkeit. Nichts illustriert ein Gefühl – und doch ist Gefühl im Raum. Auch hier hilft ein Satz des Künstlers weiter: „Ich hänge Bilder in Räume, nicht an Wände.“ Das klingt beiläufig, meint aber alles. Denn damit ist gesagt, dass das Werk nie isoliert existiert. Es lebt in einer Beziehung zum Ort, zur Höhe, zur Leere, zum Weg des Besuchers, zum Licht, zur Entfernung. Es ist nicht Oberfläche, sondern Ausstrahlung.
PROMPT:SPACE RAUMRÄUME – Bilder einer Ausstellung. ©konsum163
Dritter. Raum: Entwürfe einer Ausstellung – der Raum in uns
Der dritte Raum könnte leicht missverstanden werden. Zwölf Zeichnungen, ein Künstlerbuch, architektonische Anmutungen, perspektivische Linien, farbige Setzungen – all das sieht zunächst nach Vorbereitung aus, nach Skizze, nach Vorstufe. Doch genau hier liegt der produktive Irrtum. Diese Arbeiten sind keine Vorarbeiten. Sie sind keine Mittel zu einem späteren Werk. Sie sind das Werk selbst. Der Titel „Entwürfe einer Ausstellung“ ist bewusst doppeldeutig. Er verweist auf Planung – und unterläuft sie gleichzeitig. Was hier sichtbar wird, ist nicht die Konstruktion eines Raumes, sondern sein Entstehen im Denken. Linien greifen ineinander, Perspektiven kippen, Farbräume öffnen sich, ohne sich festzulegen. Es sind keine fixierten Architekturen, sondern Möglichkeiten. Der Raum ist hier nicht gebaut, sondern im Werden. Und genau in diesem Werden wird der Betrachter unweigerlich hineingezogen. Man beginnt, die Räume zu vollziehen. Mit den Augen, mit dem Körpergedächtnis, mit der eigenen Vorstellung. Man ergänzt, verschiebt, betritt innerlich das, was nur angedeutet ist. Die Zeichnung wird zur Schwelle. Der Entwurf wird zur Erfahrung. Das Bild wird zum Prozess. Hier zeigt sich eine zentrale Verschiebung in Stehles Denken: Das Werk ist nicht mehr das, was vor uns liegt. Es ist das, was in uns geschieht.
Das Künstlerbuch Buch der Räume radikalisiert diesen Gedanken noch einmal. Es ist keine Dokumentation, kein Archiv, kein klassischer Künstlerkatalog. Es ist eine Art begehbare Imagination. Eine Architektur, die sich nicht im Raum, sondern im Lesen entfaltet. Seite für Seite entsteht ein innerer Raum, der nicht abgeschlossen ist, sondern sich ständig weiter öffnet. Man liest – und bewegt sich., Man sieht – und ergänzt. Man ist nicht mehr außerhalb, sondern mittendrin. In dieser Werkgruppe wird vielleicht am deutlichsten, dass Stehle nicht an Bildern arbeitet, sondern an Wahrnehmungsbedingungen. Er zeigt nicht, wie ein Raum aussieht. Er zeigt, wie Raum entsteht.
Vierter Raum: Herkunft, Natur, Auflösung
Der letzte Raum führt zurück an einen Punkt, der gleichzeitig Anfang und Ende ist. Frühere Arbeiten, Fotografien, Holzschnitte – und doch geht es hier nicht um eine biografische Rückschau. Vielmehr verdichtet sich eine Frage, die sich durch das gesamte Werk zieht:
Wie ist Raum überhaupt möglich – und was bedeutet das für unser Sein? Eine Fotografie zeigt das Baden im See. Keine Inszenierung, kein Pathos, keine Erzählung. Und doch ist da sofort etwas spürbar: das Getragenwerden, das Umschlossensein, das Eingebettetsein in eine Sphäre, die nicht Objekt ist, sondern Zustand. Der Raum ist hier nicht etwas, das wir betrachten. Er ist etwas, das uns hält. Eine zweite Arbeit – ein unscheinbarer Ausschnitt aus einer Landschaft – wirkt zunächst beinahe beiläufig. Und doch öffnet sie eine radikale Perspektive: Welt erscheint hier nicht als Motiv, sondern als Erfahrung. Nicht als etwas, das wir sehen, sondern als etwas, in dem wir sind. Die Holzschnitte der „Vollmondnacht“ treiben diese Verschiebung weiter. Sie zeigen nicht den Mond, nicht das Ereignis, nicht die Szene. Sie zeigen Licht. Atmosphäre. Veränderung. Jeder Druck ist anders, jeder Moment verschoben. Es gibt kein endgültiges Bild – nur Variationen eines Zustands. Und dann, am Ende, dieser Satz: „I must go in, the fog is rising.“ Ein Satz von Emily Dickinson, den Stehle aufnimmt, nicht als Zitat, sondern als Öffnung. Hier löst sich der Raum endgültig von jeder Festigkeit. Er wird Nebel, Übergang, Auflösung. Und doch ist auch das kein Verschwinden ins Nichts. Es ist eine andere Form von Präsenz. Vielleicht ist das die radikalste Einsicht dieses letzten Raums: Dass Auflösung kein Gegenteil von Raum ist. Sondern seine konsequente Erweiterung.
Der Raum denkt zurück
Was bleibt nach dieser Ausstellung? Keine eindeutige Antwort. Kein klar formulierbares Ergebnis. Keine Botschaft, die sich in einen Satz pressen ließe. Und genau darin liegt ihre Qualität. prompt: space. raumräume ist keine Ausstellung, die etwas behauptet. Sie ist eine Ausstellung, die etwas in Bewegung setzt. Eine Verschiebung, die zunächst kaum greifbar ist – und sich erst im Nachhinein entfaltet. Man verlässt die Räume und merkt vielleicht erst draußen, dass sich etwas verändert hat. Der Blick ist anders. Die Wahrnehmung feiner. Der Raum nicht mehr selbstverständlich. Gregor Stehle formuliert das mit einer fast beiläufigen Klarheit: „Meine Bilder wollen keine Bedeutung. Sie wollen Raum sein, in dem der Betrachter auch sein darf.“ Das ist ein stiller, aber radikaler Anspruch. Denn er entzieht die Kunst der Verpflichtung zur Aussage und führt sie zurück zu etwas Grundlegenderem: zur Erfahrung. Zum Dasein. Zum Spüren. In einer Zeit, in der Bilder immer schneller, lauter, eindeutiger werden müssen, setzt diese Ausstellung auf das Gegenteil. Auf Leere. Auf Reduktion. Auf Offenheit. Nicht als Rückzug, sondern als Intensivierung.


















