Sandra Gutsches Malerei beginnt mit einer Zumutung: Zwei Wirklichkeiten können denselben Bildraum beanspruchen, ohne füreinander geschaffen zu sein. Am Anfang steht die Figur. Körperlich, verletzlich, manchmal beinahe brutal präsent. Sie erzählt dennoch keine Geschichte. Ihr treten Farbe, Linie, Kreide, Öl, rohe Leinwand und gestische Setzungen gegenüber – nicht als Hintergrund, Atmosphäre oder psychologischer Resonanzraum, sondern mit eigener Gesetzmäßigkeit. Dieser Gedanke ist keine späte Entwicklung ihres Werkes, sondern von Anfang an darin angelegt. Gutsches Weg besteht vielmehr in der beharrlichen Suche nach einer malerischen Form für etwas, das gedanklich längst vorhanden ist: zwei eigenständige Wirklichkeiten gleichzeitig sichtbar werden zu lassen, ohne sie einer gemeinsamen Ordnung unterwerfen zu müssen. In den frühen Arbeiten ist die Anstrengung dieser Suche noch unmittelbar spürbar. Figuration und Abstraktion stehen zunächst deutlicher voneinander getrennt, nähern sich an, überlagern und durchdringen sich zunehmend. Die Entwicklung ihrer Malerei ist damit weniger die Geschichte einer sich verändernden Idee als die Geschichte ihrer immer präziseren Umsetzung. In den jüngsten Arbeiten erreicht sie eine Konsequenz, in der beide Systeme selbstverständlich gleichzeitig existieren können, ohne einen gemeinsamen Sinn herstellen zu müssen. Und trotzdem sehen wir ihn. Wir verbinden Körper und Farbe.
sandra gutsche
Macht Sinn Sinn? Warum sind wir unfähig, keinen Zusammenhang zu sehen?
Wir erfinden Beziehungen, Stimmungen, Ursachen und Geschichten. Wir machen aus Gleichzeitigkeit Zusammenhang. Genau hier verlässt Gutsches Malerei die Frage nach Figuration und Abstraktion. Sie untersucht unser Sehen selbst und den menschlichen Reflex, aus dem, was gleichzeitig vor uns erscheint, eine zusammenhängende Wirklichkeit zu konstruieren. Vielleicht liegt hinter der Realität eben keine fertige Ordnung, sondern zunächst nur Gleichzeitigkeit – und wir sind es, die daraus Bedeutung, Erzählung und Sinn machen. Damit verschiebt Gutsche die entscheidende Frage vom Bild auf uns selbst: Macht Sinn Sinn? Oder warum sind wir unfähig, keinen Zusammenhang zu sehen? Ihre Malerei gibt darauf keine Antwort. Sie stellt uns dabei auf frischer Tat.
Artist
Sandra Gutsche
- Coming Up artist
- Hohes Sammlerpotenzial
Exhibition
Oktober 2026 Munich, „SO AND OTHERWISE“
Publikationen
„ImpulseMACHT SINN SINN.“ 163 ONE SIX THREE | art in print Verlag
Arbeiten im Atelier.
Der Unsinn steht vor dem Bild.
Die Figur ist da. Mehr schuldet sie uns nicht. Sandra Gutsches Malerei beginnt mit einer Behauptung, die zunächst erstaunlich einfach erscheint: Da ist eine Figur. Sie muss nichts tun. Sie muss niemand sein. Sie muss keine Geschichte erzählen, keine gesellschaftliche Rolle übernehmen, keine psychologische Verfassung illustrieren. Sie darf existieren, weil sie existiert. Gerade diese Selbstverständlichkeit ist für Gutsche radikal. Denn kaum erscheint ein Mensch im Bild, beginnen wir ihn zu lesen. Wir suchen Alter, Geschlecht, Stimmung, Herkunft, Handlung, Beziehung. Ein Gesicht wird zum Charakter, eine Körperhaltung zum emotionalen Zustand, eine Geste zum Ereignis. Die menschliche Figur erzeugt eine nahezu unausweichliche Verbindlichkeit. Für Gutsche ist sie deshalb der Ausgangspunkt ihrer Malerei. Nicht als Motiv im klassischen Sinne, sondern als erste Setzung, als Nullpunkt des Bildes. Diese Bindung an die Figur reicht weit zurück. Bereits als Kind zeichnete sie fast ausschließlich Menschen. Noch bevor eine künstlerische Ausbildung oder theoretische Reflexion einsetzte, war der Körper ihr selbstverständlicher Ort des Bildes. Ihre Figuren entstehen auch heute ohne Vorlage einer festgelegten Identität. Gutsche weiß zu Beginn nicht, wer dort erscheinen wird. Die Figur entwickelt sich während des Malens. Und sobald sie da ist, geschieht etwas Entscheidendes: Für die Künstlerin hat sie ihre erste Aufgabe bereits erfüllt. Sie hat Anwesenheit hergestellt. Für uns Betrachter beginnt die Arbeit dagegen gerade erst.
Zwei Wirklichkeiten. Ein Bild. Kein Vertrag.
Gutsches Werk lässt sich oberflächlich als Verbindung von Figuration und Abstraktion beschreiben. Kunsthistorisch wäre das korrekt – und für ihre eigentliche Position viel zu wenig. Denn Gutsche versucht gerade nicht, zwei malerische Sprachen miteinander zu versöhnen. Die Abstraktion soll die Figur weder erklären noch emotional erweitern. Farbe wird nicht zur Aura des Körpers. Eine Linie ist keine Spur seiner Bewegung. Ein Farbfeld beschreibt keinen psychischen Zustand. Figur und abstrakte Setzung besitzen zunächst keinen Vertrag miteinander. Darin liegt eine Grundidee, die Gutsches Malerei von Anfang an begleitet, deren angemessene malerische Form sie jedoch erst allmählich findet. Früh existieren beide Interessen deutlich nebeneinander: auf der einen Seite eine intensive, körperliche Figuration, bisweilen grotesk verdichtet, zugleich von großer zeichnerischer Sicherheit; auf der anderen eine expressive, farbstarke Abstraktion. Die frühen abstrakten Arbeiten sind flächiger, leuchtender und stärker ornamental organisiert. Später werden sie gestischer und härter. Erfahrungen ihrer Ausbildung bei Markus Lüpertz sind dabei ebenso spürbar wie die bewusste Notwendigkeit, sich von einer übernommenen malerischen Sprache wieder zu lösen. Entscheidend ist: Gutsche wechselt nicht von Figuration zur Abstraktion oder zurück. Sie braucht beides. Die eigentliche Entwicklung ihres Werkes besteht darin, eine Bildform zu finden, in der beide Wirklichkeiten ihre Eigenständigkeit behalten können. Nicht nacheinander. Nicht miteinander versöhnt. Gleichzeitig.
UNTITLED, 2026–27 | Oil, chalk, pencils, ink on the back of the canvas | 200 × 180 cm
Bedeutung ist nur gelernte Erfahrung. Ohne Bedeutung wird die Welt zur Erfahrung.
Detail von UNTITLED, 2026–27 | Oil, chalk, pencils, ink on the back of the canvas | 200 × 180 cm
Der Zusammenhang entsteht im Kopf. Aber warum nur?
exhibitions und bio
2026
Gruppenausstellung
„SO & OTHERWISE“ @konsum163, München
Gruppenausstellung
„Wilde Mischung 9“, @konsum163, München
2025
Shortlist ArtBam @konsum163, München
Artist Residency 10/2025
Menorca @ Quarantine
Mentoringsession with Yasha Young, Ruprecht von Kaufmann, Edward Povey, Tania Rivallis
2024
Internationales Stipendium SA Aschersleben
Ausstellung der Stipendiaten ISA Aschersleben
Ausstellung Meisterklasse AdbK Kolbermoor
Abschluss der Meisterklasse mit Diplom
Studium Zeichnung/Malerei, Prof. Markus Lüpertz (Meisterklasse), AdbK Kolbermoor
2023
Meisterklasse Zeichnung/Malerei, Prof. Markus Lüpertz, AdbK Kolbermoor
Ausstellung Diplom AdbK Kolbermoor
Abschluss des Aufbaustudiums mit Diplom
2022
Gastdozentin an der Goetheschule Gardelegen,
Projektarbeit Installation,
Land Sachsen-Anhalt
Aufbaustudium Zeichnung/Malerei, Prof. Markus Lüpertz, AdbK Kolbermoor
2021
Aufbaustudium Zeichnung/Malerei, Prof. Markus Lüpertz, AdbK Kolbermoor
Teilnahme an Art Innsbruck
2020
Grundstudium Zeichnung/Malerei, Prof. Markus Lüpertz, AdbK Kolbermoor
Kitzaward Österreich
Nominierung für den artig Kunstpreis
SwissArtexpo – Artboxprojekt
2019
Selbststudium figürliche Zeichnung/Malerei
Giotto-Preis, Lissabon/Portugal
Art Basel – Artboxprojekt
Kunstmesse Pirmasens
2018
Ausstellung im Museum Gardelegen
Eine Karriere im Zeitraffer. Sandra Gutsche gehört zu jenen künstlerischen Positionen, deren professionelle Entwicklung spät beginnt und sich anschließend mit bemerkenswerter Geschwindigkeit verdichtet. Die menschliche Figur begleitet ihre Arbeit bereits seit frühester Kindheit, doch erst 2020 tritt Gutsche mit ihrer Malerei in die Öffentlichkeit – und gewinnt nahezu unmittelbar den ersten Preis des Kitz Award in Österreich. Es folgt das Studium an der Akademie der Bildenden Künste Kolbermoor bei Markus Lüpertz, das sie bis zur Meisterklasse und zum Diplom führt. Früh wird dabei sowohl ihre außergewöhnliche malerische Begabung als auch ihr entschiedener Wille sichtbar, eine vollkommen eigenständige Bildsprache zu entwickeln. 2024 wird Gutsche für das Internationale Sommeratelier der Stadt Aschersleben (ISA) in Kooperation mit der Grafikstiftung Neo Rauch ausgewählt. 2025 folgt eine internationale Artist Residency auf Menorca mit Mentorings unter anderem von Yasha Young, Ruprecht von Kaufmann, Edward Povey und Tania Rivális. Innerhalb von nur wenigen Jahren hat sich damit aus einer lange privat entwickelten malerischen Praxis eine eigenständige professionelle Position herausgebildet. Ihre jüngsten Arbeiten markieren dabei weniger einen Abschluss als einen Punkt erstaunlicher Beschleunigung: Gutsche scheint gerade erst begonnen zu haben.






















