Janina Bruegel führt die figurative Malerei in eine neue, schmerzlich ehrliche Gegenwart. Ihre Werke sind visuelle Sezierlabore des Menschlichen – radikal intim, brutal zärtlich, unverschämt lebendig. Sie malt Menschen nicht, sie „verschlingt“ sie, nimmt ihr Wesen in sich auf und legt es in Farbschichten wieder frei. Das Resultat: Körper, die mehr erzählen als Gesichter je könnten; Blicke, die gleichzeitig leer und übervoll sind; Momente, die wie gefundene Schnappschüsse wirken und dennoch existenziell aufgeladen sind.
Bruegels Bilder sind präzise Psychogramme unserer Zeit. Das neue Biedermeier, das sie sichtbar macht, ist dabei keineswegs nur Flucht oder Oberflächlichkeit. Es ist auch ein Ort der Erholung, des Trosts, ein Gegenraum, in dem das Alltägliche Kraft schenkt und das Dekorative zum Schutzraum wird. Hinter Blumenmustern, Tortenplatten, Sonnenliegen und Wohnzimmeridyllen schimmern deshalb sowohl Einsamkeit und Entfremdung als auch jene tiefe, menschliche Sehnsucht nach Halt, Wärme und Zugehörigkeit. Ihre Malerei ist kein Urteil, sondern ein Spiegel – ein präziser, der Zärtlichkeit genauso zulässt wie Schonungslosigkeit.
Bildnerisch knüpft Bruegel an die Neue Sachlichkeit und an die psychologische Tiefenschärfe eines Lucian Freud an, verfolgt jedoch unbeirrbar ihren eigenen Weg. Ihre Protagonisten sind greifbar, verletzlich, voller Würde und Widerspruch. In ihren Farbräumen verdichten sich Lebensgeschichten; Körper werden zu Archiven, Tapeten zu Klangräumen der Erinnerung.
Im Zentrum der Ausstellung erweitert ein begehbarer Poetry-Slam-Cube diesen Kosmos um eine weitere Ebene. Ein quadratischer Stahlrahmen, eingehüllt in weiße DIN-A4-Blätter mit Textfragmenten, bildet einen stillen Resonanzraum zwischen Bild, Wort und Stimme. Im Inneren werden auf einem Monitor Poetry Slams sichtbar und hörbar – Texte, die Janina Brügel selbst schreibt. Sie entstehen aus derselben intensiven Menschenschau, aus der auch ihre Bilder hervorgehen. Mal spricht die Künstlerin selbst, mal scheinen die Worte den gemalten Figuren zu entstammen. Der Cube wird so zum Ort der Verdichtung: Sprache, Körper und Wahrnehmung treten in einen direkten Dialog.
YOUMANE ist deshalb mehr als ein Ausstellungstitel – es ist ein Statement. Ein Kunstwort, das das Humane neu buchstabiert. Es verweist auf die Zerbrechlichkeit und die Würde des Daseins, auf unsere Angst vor Nähe und unser Verlangen danach. Janina Brügel zeigt, was wir im Alltag oft übersehen: die wahre, ungefilterte Menschlichkeit zwischen Kaffee, Torten, Ansichten – und der Seele.