Sabine Burger, Sandra Gutsche und Vera Nowottny.
09. September bis 14. Oktober 2026
SO AND OTHERWISE bringt künstlerische Positionen zusammen, die nicht um Verständnis bitten. Jede behauptet ihre eigene Sicht auf die Welt – und nimmt für sich in Anspruch, dass sie genau so gesehen werden muss. Nicht als eine Möglichkeit unter vielen, nicht als vorsichtiger Vorschlag und nicht als Einladung zum unverbindlichen Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven. Kunst entsteht hier aus Überzeugung. Aus der Notwendigkeit, der Welt eine Form entgegenzusetzen, die im Moment ihrer Entstehung keine andere Wahrheit neben sich braucht. Sandra Gutsche, Vera Nowottny und Sabine Burger könnten in ihrer künstlerischen Sprache kaum weiter voneinander entfernt sein. Was sie verbindet, ist gerade nicht die Gemeinsamkeit. Es ist die Konsequenz, mit der jede von ihnen ihrer eigenen Vorstellung von Bild, Wirklichkeit und Kunst folgt.
Sandra Gutsche kommt aus der figurativen, realistischen Malerei. Ihre Herkunft bleibt sichtbar, selbst dort, wo die Figur zunehmend ihre Eindeutigkeit verliert. Körper, Gesichter und Räume geraten in Bewegung, lösen sich auf, verschwinden unter Schichten von Farbe und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Ihre Malerei wird freier, wilder und kompromissloser, ohne ihre Geschichte abzustreifen. In der Tiefe ihrer Farbigkeit, in den dunklen, leuchtenden Schichten und der körperlichen Präsenz der Farbe klingt bisweilen die Malerei alter Meister an – und wird zugleich in eine Gegenwart geschleudert, in der Sicherheit und Eindeutigkeit keinen Bestand mehr haben. Gutsche verlässt die Figur nicht. Sie setzt sie der Malerei aus.
Vera Nowottny geht einen vollkommen anderen Weg. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die Fotografie, insbesondere die Kamera obscura – eines der elementarsten Prinzipien der Bilderzeugung. Doch das fotografische Bild ist für sie kein Endpunkt. Licht, Zeit, Raum und Wahrnehmung werden zum Material einer künstlerischen Arbeit, die weit über die klassische Vorstellung von Fotografie hinausgeht. Ihre Bilder besitzen eine präzise, beinahe unerbittliche Qualität der Komposition und zugleich eine eigentümliche Tiefe, die sich der schnellen Lesbarkeit entzieht. Fotografien werden zu Objekten, greifen in den Raum ein, verlassen die Wand und bilden Installationen. Bilder werden übereinandergelegt, verdichtet, auf dem Boden ausgebreitet und neuen räumlichen Ordnungen unterworfen. Nowottny dokumentiert Wirklichkeit nicht. Sie zwingt das fotografische Bild, seine eigene Wirklichkeit zu behaupten.
Sabine Burger wiederum vertraut auf die unmittelbare Kraft der Malerei. Ihre Arbeiten entstehen aus Bewegung, Geschwindigkeit, Überlagerung, Zerstörung und erneuter Setzung. Farbe, Pigment, Kohle und Linie werden zu Trägern eines Prozesses, dessen Ausgang nicht vollständig kontrolliert werden kann – und dennoch niemals beliebig ist. Ihre Malerei bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Entscheidung und Kontrollverlust. Jede Geste fordert die nächste heraus, jede Setzung kann bestehen bleiben oder wieder verschwinden. Instabilität ist dabei kein Mangel an Ordnung, sondern produktive Energie. Burgers Bilder behaupten sich durch ihre Dynamik. Sie wollen nicht beruhigen. Sie halten den Moment fest, in dem Ordnung entsteht und gleichzeitig wieder gefährdet ist.
Drei Künstlerinnen. Drei Vorstellungen davon, was ein Bild sein kann. Drei Überzeugungen, die einander nicht bestätigen müssen.
SO bezeichnet die Konsequenz, mit der jede dieser Positionen ihre eigene Wirklichkeit setzt. In diesem Moment gibt es kein Vielleicht. Keine Relativierung. Keine höfliche Distanz zur eigenen Überzeugung. Wer Kunst schafft, entscheidet sich. Für ein Bild. Für eine Form. Für eine Haltung. Für eine bestimmte Vorstellung davon, wie die Welt gesehen, erfahren und sichtbar gemacht werden muss. OTHERWISE beginnt dort, wo diese Gewissheit auf die ebenso kompromisslose Gewissheit der anderen trifft. Nicht als Korrektur. Nicht als Alternative. Und schon gar nicht als Versöhnung.
Die Ausstellung zwingt unterschiedliche Wahrheiten in denselben Raum. Sie lässt sie aufeinanderprallen, sich widersprechen, behaupten und gegenseitig herausfordern. Keine Position besitzt die Aufgabe, die andere zu erklären. Keine muss sich anpassen, um Teil eines übergeordneten Konzeptes zu werden. Gerade darin liegt die Freiheit dieser Ausstellung. Nicht in der Beliebigkeit, alles gelten zu lassen. Sondern in der Zumutung, einer entschiedenen künstlerischen Haltung gegenüberzutreten und auszuhalten, dass wenige Meter weiter eine andere mit derselben Konsequenz das Gegenteil behaupten kann.
Die Ausstellung zeigt Kunst als Behauptung von Wirklichkeit – und den Ausstellungsraum als Ort, an dem unterschiedliche Wahrheiten gleichzeitig existieren, ohne ihre Schärfe verlieren zu müssen. Drei Positionen sind gesetzt. Eine vierte wird folgen.
Mela Diamant, Susa Beck, Petra Schott und Miriam Steinberg
08. Oktober bis 30. Oktober 2026
Ein Sehnsuchtsort zwischen Wirklichkeit und Imagination
Es gibt Orte, die wir nie besucht haben und die uns dennoch vertraut erscheinen. Orte, die Erinnerungen wecken, ohne dass wir sagen könnten, woher wir sie kennen. Sie sind voller Rätsel, voller Schönheit, voller Überraschungen. Vielleicht tragen wir sie seit unserer Kindheit in uns – als Sehnsucht nach einer Welt, in der Neugier wichtiger ist als Gewissheit und Entdecken wichtiger als Erklären.
NEW WUNDERKAMMER ist ein solcher Ort.
Inspiriert von den historischen Wunderkammern der Renaissance entsteht in den Räumen von konsum163 – contemporary keine Rekonstruktion vergangener Sammlungen, sondern ihre zeitgenössische Weiterentwicklung. Damals versammelten Fürsten, Gelehrte und Entdecker alles, was außergewöhnlich erschien: Kunstwerke, Naturwunder, wissenschaftliche Instrumente und rätselhafte Objekte aus fernen Ländern. Diese Sammlungen folgten keiner Ordnung. Ihr eigentlicher Wert lag darin, das Staunen hervorzurufen und die Fantasie anzuregen.
Genau diese Idee übersetzt NEW WUNDERKAMMER in unsere Zeit. Die Ausstellung ist keine Aneinanderreihung einzelner Positionen, sondern eine begehbare Landschaft, in der Kunst, Natur, Licht und Raum zu einem gemeinsamen Erlebnis verschmelzen. Sie lädt dazu ein, langsam zu werden, sich treiben zu lassen und den eigenen Blick immer wieder neu auszurichten.
Den Ausgangspunkt bildet der monumentale Wal der Wiener Künstlerin Mela Diamant. Mit seiner schwebenden Leichtigkeit scheint er die Schwerkraft außer Kraft zu setzen und verändert augenblicklich die Wahrnehmung des gesamten Raumes. Seit Jahrhunderten gilt der Wal als Sinnbild für das Unbekannte, für die Tiefen des Meeres und für jene Geschichten, in denen Wirklichkeit und Mythos untrennbar miteinander verbunden sind. Hier wird er zum stillen Begleiter einer Reise durch die Ausstellung – kraftvoll, poetisch und zugleich überraschend verletzlich.
Aus seiner Umgebung entwickelt sich eine organisch wachsende Landschaft aus Moosen, Farnen und Pflanzen. In diese lebendige Topografie integriert Susa Beck ihre skulpturalen Arbeiten. Nach vielen Jahren, in denen sie vor allem mit außergewöhnlichem Schmuck internationale Aufmerksamkeit erlangte, überträgt sie ihre unverwechselbare Formensprache erstmals konsequent in den freien Raum. Ihre Werke wirken wie Fundstücke einer unbekannten Flora oder Fauna – kostbar, organisch und zugleich zeitlos. Sie scheinen weniger geschaffen als entdeckt worden zu sein und lassen die Grenzen zwischen Natur und Kunst bewusst verschwimmen.
Den malerischen Gegenpol bildet Petra Schott mit ihrem Werkzyklus „Carpet of Life“. Ihre großformatigen Arbeiten öffnen Bildräume, die sich nicht auf einen einzigen Gedanken reduzieren lassen. Schicht um Schicht entstehen Strukturen, Spuren und Farbwelten, die Erinnerungen ebenso hervorrufen wie neue Assoziationen. Ihre Malerei erzählt keine Geschichten im klassischen Sinn. Sie lädt dazu ein, eigene Geschichten entstehen zu lassen – ein visueller Denkraum, der sich mit jeder Betrachtung verändert.
Mit den „Fotones“ von Miriam Steinberg erhält die Ausstellung schließlich eine weitere Dimension. Licht wird hier nicht nur zum Mittel der Fotografie, sondern selbst zum eigentlichen Thema. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Sichtbarkeit und Imagination, zwischen physikalischem Phänomen und poetischer Erfahrung. Sie zeigen nicht nur Bilder – sie machen Licht als Material erfahrbar und eröffnen Räume, die weit über das Sichtbare hinausreichen.
So entsteht eine Ausstellung, deren einzelne Positionen sich gegenseitig ergänzen und verstärken. Monumentale Skulptur trifft auf intime Objekte. Malerei begegnet Fotografie. Organisch wachsende Landschaften stehen im Dialog mit klaren architektonischen Räumen. Alles ist miteinander verbunden und dennoch bleibt jeder Besucher frei, seinen eigenen Weg durch diese Welt zu finden.
NEW WUNDERKAMMER versteht sich deshalb nicht nur als Ausstellung, sondern als Sehnsuchtsort. Ein Ort, der daran erinnert, dass Staunen keine Frage des Alters ist. Dass Fantasie kein Gegenentwurf zur Wirklichkeit sein muss, sondern eine ihrer schönsten Erweiterungen. Und dass Kunst dann ihre größte Kraft entfaltet, wenn sie nicht alles erklärt, sondern Räume öffnet, in denen jeder seine eigenen Entdeckungen machen kann.
Vielleicht liegt genau darin die zeitgenössische Wunderkammer: Nicht in der Sammlung außergewöhnlicher Dinge, sondern in der Fähigkeit, Menschen wieder in Erstaunen zu versetzen. In einer Welt, die immer schneller und eindeutiger wird, ist das Staunen selbst zu etwas Seltenem geworden. NEW WUNDERKAMMER möchte ihm einen Ort zurückgeben.

