MALEREI IST HANDLUNG.
IM ATELIER MIT BRIGITTE OBERLIK-BURTSCHER

MALEREI IST HANDLUNG.
IM ATELIER MIT BRIGITTE OBERLIK-BURTSCHER

Farbe, Geste & Präsenz – als Entscheidung

„Malen ist für mich heute kein innerer Dialog mehr, sondern ein Raum, in dem ich atme“, sagt Brigitte Oberlik-Burtscher, als wir sie in ihrem Atelier nahe Wien besuchen. Was sich früher als leises, tagebuchartiges Erfassen von Wahrnehmung zeigte, ist einer Malerei gewichen, die im Moment entsteht – direkt, körperlich, unumkehrbar. „Ich will nicht mehr festhalten, was ich sehe. Ich will herausfinden, was im Tun passiert.“ Die Leinwand ist dabei kein Ort der Planung, sondern der Entscheidung. Jede Linie, jede Fläche entsteht aus einer Situation heraus, die sich nicht wiederholen lässt. Es gibt kein Zurück, kein Korrigieren – nur ein Weitergehen. Ihre Bilder sind keine Konstruktionen mehr, sondern Ereignisse. Zustände, die sich im Vollzug formen.
Die Malerei von Brigitte Oberlik-Burtscher hat sich in den letzten Jahren radikal geöffnet. Aus der konzentrierten Innerlichkeit ist eine Praxis geworden, die auf Bewegung, Risiko und Präsenz setzt. „Ich arbeite mit dem ganzen Körper. Ich stehe, gehe, trete zurück, komme wieder nah heran. Das Bild entsteht nicht im Kopf – es entsteht im Tun.“ Große Pinsel, Hände, schnelle Entscheidungen. Farbe wird nicht gesetzt, um zu gefallen, sondern weil sie notwendig ist. Dabei bleibt jede Spur sichtbar. Nichts wird geglättet, nichts kaschiert. Die Bilder speichern ihre eigene Entstehung – Schicht für Schicht, Geste für Geste. Vergangenheit und Gegenwart existieren gleichzeitig auf der Oberfläche.

Brigitte Oberlik-Burtscher zusammen mit Galeristen Carsten Lehmann in ihrem Atelierhaus im Wienerwald


Credits: © konsum163

Brigitte Oberlik-Burtscher zusammen mit Galeristen Carsten Lehmann in ihrem Atelierhaus im Wienerwald © konsum163

Malen ist für die Künstlerin Brigitte Oberlik-Burtscher ein Ort der Handlung. © brigitte oberlik-burtscher

Zarte Aquarellarbeiten genauso wie der energetische, große Pinselstrich – die Künstlerin lässt sich auf kein Format festlegen  © konsum163

„Ich liebe die große Geste, den direkten Strich – aber genauso das Zarte, das Fragile“, sagt sie. Es ist diese Gleichzeitigkeit von Gegensätzen, die ihre Arbeiten trägt. Flächen verdichten sich zu tektonischen Strukturen, um im nächsten Moment wieder aufzulösen. Linien entstehen impulsiv, umkreisen, verbinden, widersprechen sich. Farbe steht nie für sich allein – sie reagiert, konfrontiert, behauptet sich. Ihre Bilder folgen keiner klassischen Komposition, und doch entsteht eine innere Ordnung. Nicht durch Kontrolle, sondern durch Stimmigkeit. „Ich merke sofort, wenn etwas nicht trägt. Dann muss ich weitergehen. Es gibt keinen anderen Weg.“

one} VON OBEN SIEHT DIE WELT GANZ ANDERS AUS
90 x 113 cm, 2025, Aquarell und Kreiden auf Papier

two} VON OBEN SIEHT DIE WELT GANZ ANDERS AUS
Raumsituation

three} OHNE EIN WORT
90 x 113 cm, 2025, Aquarell und Kreiden auf Papier

four} NEUES ABENTEUER
90 x 113 cm, 2025, Aquarell und Kreiden auf Papier

five} NEUES ABENTEUER
Raumsituation

six} BLUE AND YELLOW AND A LINE
27 x 35 cm, 2025, Aquarell und pigmentierte Wachskreiden und Fineliner auf Papier

seven} BLÜTENWIND
24 x 312 cm, 20225, Aquarell und pigmentierte Wachskreiden auf Papier

eight} STERNENBAHNEN
27 x 35 cm, 2025, Aquarell und pigmentierte Wachskreiden und Fineliner auf Papier

(c) konsum163

„Ich habe auf Ihre Nachricht gewartet, wie ein Kind, das auf die Gute-Nacht-Geschichte wartet, damit es schlafen gehen kann. Jetzt ist alles gut.“

Ein Bewunderer

 

Die gelernte Innenarchitektin bringt dabei ein tief verankertes Wissen über Raum, Proportion und Balance mit. Dieses Wissen wirkt im Hintergrund – nicht als Konzept, sondern als Haltung. Auch im scheinbar freien Gestus bleibt eine strukturelle Klarheit spürbar. „Ich habe gelernt zuzuhören – im Raum, im Bild. Und irgendwann kommt dieser Moment, in dem alles kippt und plötzlich funktioniert.“ Es ist genau dieser Punkt, an dem ihre Malerei ansetzt: zwischen Kontrolle und Loslassen, zwischen Setzung und Reaktion.
Ein Sammler schreibt ihr nach einem ersten Kontakt: „Ich habe auf Ihre Nachricht gewartet wie ein Kind auf die Gute-Nacht-Geschichte.“ Was sich hier zeigt, ist mehr als nur Begeisterung – es ist eine unmittelbare Resonanz. Die Arbeiten von Brigitte Oberlik-Burtscher erzeugen keine Distanz. Sie sind präsent. Sie fordern heraus, ohne sich aufzudrängen. „Ich will keine dekorativen Bilder machen. Ich will, dass etwas passiert. Dass man spürt, dass da etwas in Bewegung ist.“ Diese Offenheit setzt sich auch im Austausch fort – ein Dialog, der nicht abgeschlossen ist, sondern sich weiterentwickelt.
In ihrem Atelier treffen unterschiedlichste Materialien aufeinander: Acryl, Aquarell, Öl, Kohle, Kreide, Grafit. Besonders das Aquarell hat in den letzten Jahren eine neue Bedeutung gewonnen. „Mich interessiert, dass ich nichts verstecken kann. Jeder Schritt bleibt sichtbar.“ Was traditionell als zart und kontrolliert gilt, wird bei ihr zu einem direkten, kraftvollen Medium. Große Formate, intensive Farben, schnelle Überlagerungen – auch hier geht es nicht um Technik, sondern um Haltung.

Impressionen vom Atelier und verschiedenen Ausstellungen mit Werken von Brigitte Oberlik-Burtscher © konsum163

Ausgehend von Farbflächen entwickeln sich ihre Kompositionen wie organische Systeme. Flächen wachsen, überlagern sich, kollidieren, verbinden sich neu. Linien entstehen nicht als Zeichnung, sondern als Reaktion. Es gibt keine Hierarchie zwischen den Elementen – alles ist gleichwertig, alles ist in Bewegung. Diese Malerei denkt nicht in Motiven, sondern in Zuständen. Sie beschreibt keine Welt – sie erzeugt eine.
„Ich gebe mich nicht schnell zufrieden“, sagt Brigitte. „Ich suche nach neuen Ebenen, nach neuen Spuren.“ Diese Suche ist kein Ziel, sondern ein Motor. Ihre Bilder hören nicht auf, weil sie fertig sind, sondern weil nichts mehr fehlt. Genau darin liegt ihre Präzision. Nicht als Ergebnis von Planung, sondern als Konsequenz eines Prozesses, der sich selbst ernst nimmt.
Das Atelierhaus, eingebettet in eine ruhige Landschaft, ist dabei Rückzugsort und Experimentierfeld zugleich. Zwischen Büchern, Arbeiten und Materialien entsteht eine Atmosphäre, die Konzentration und Offenheit verbindet. Doch die Ruhe des Ortes steht im Kontrast zur Intensität der Malerei. „Ich brauche beides – die Stille und die Bewegung.“ Vielleicht ist es genau diese Spannung, die ihre Arbeiten trägt.
Am Ende geht es ihr nicht um Stil oder Wiedererkennbarkeit. Es geht um eine Haltung. Um die Bereitschaft, sich auf einen Prozess einzulassen, der keine Sicherheiten kennt. „Malen ist für mich Freiheit. Und ich will herausfinden, wie weit ich gehen kann.“

ArtistBook von Brigitte Oberlik-Burtscher

Das ArtistBook von Brigitte Oberlik-Burtscher vermittelt einen Gesamteindruck der Künstlerin und ihres Werks. „super.b“  ist 104 Seiten stark und  jederzeit online erhältlich.
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